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Philosophieren mit Kindern und Forschendes Lernen

 

 

Literaturliste_PmK und Forschendes Lernen_2017
Diese Literaturliste enthält alle Buchtitel inkl. ISBN, die zum Philosophieren mit Kindern und Jugendlichen in Vorbereitung auf das Forschende Lernen relevant sind. Die Literatur ist nach den großen Themengebieten gegliedert, die wir beim Philosophieren und Forschen zu Grunde legen.
Literaturliste_Forschendes Lernen_2017.p[...]
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Steckbrief_Forschendes Lernen nach Calvert_Jakobi_Hausberg
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Ein Bausatz zum Philosophieren mit Schulkindern

ausgehend von Texten Platons

ein Beitrag von Gareth B. Matthews

 

 

Einleitung

Ich schrieb die folgende Sammlung von Geschichten, um Schulkindern die Freude und Herausforderung, die das gemeinsame Philosophieren mit sich bringt, vorzustellen. Unter „philosophieren“ verstehe ich aber nicht nur, dass man sich mit den großen Philosophen befasst, sich ihrem Leben oder Theorien und Ideen widmet, vielmehr ist es die Aufgabe selbst zu philosophieren, eigene Ideen zu entwickeln und zu untersuchen. Die Methode, die ich dafür bevorzuge ist eine modifizierte Form der „Forschungsgemeinschaft.“ Diese Methode wurde von Matthew Lipman an dem „Institut for the Advancement of Philosophy for Children“ an der Montclair State University in Upper Montclair, New Jersey, entworfen. Im Folgenden sind meine Vorschläge für Lehrkräfte aber auch für Eltern, die sich für das Philosophieren mit Kindern interessieren.
Nehmen wir an, eine Lehrerin möchte die erste Geschichte, „Der Ring des Gyges,“ in ihrer Klasse einsetzen. Ich schlage vor, die Geschichte zu vervielfältigen, damit jedes Kind eine Kopie für sich hat, einen Text, den es selbst in die Hand nehmen, lesen und sich damit befassen kann. Zum Unterrichtsbeginn sollte jedes Kind die Geschichte für sich lesen. Nach- dem sie genügend Zeit dazu hatten, kann die Lehrerin sie jetzt bitten, gemeinsam die Geschichte laut vorzulesen. Vielleicht liest jedes Kind einen Absatz, oder auch nur einen Satz, abhängig von der Größe der Klasse. Obwohl jedes Kind die Geschichte schon selbst gelesen hat, kann die Klasse durch das gemeinsame Vorlesen der Geschichte gemeinsame Punkte zu besprechen entdecken.
Der nächste Schritt wäre dann, die Kinder anzuregen, sich über die Geschichte zu äußern, das heißt Bemerkungen oder Fragen zur Sprache zu bringen. Gezielte Fragen können diesen Prozess unterstützen: „Was haltet ihr von der Geschichte?“ „Gibt es etwas, was euch stutzig macht?“ „Hat die Geschichte euch zu denken gegeben?“ „Gibt es etwas was ihr bemerken oder fragen möchtet?“ Jede Bemerkung oder Frage soll an die Tafel geschrieben werden zusammen mit dem Namen des Kindes. (Die Namen festzuhalten erweckt den Gedanken, dass wir beim Philosophieren zum dem, was wir sagen, stehen und auch einen Teil der Verantwortung dafür übernehmen.) 
Wenn die Tafel mit den Fragen und Bemerkungen der Kinder vollgeschrieben ist, könnte die Lehrerin dies alles laut vorlesen. Vielleicht möchte sie fragen, ob die Kinder Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bemerkungen und Fragen finden können. Nach einer generellen Diskussion bezüglich aller Ideen, wäre der nächste Schritt, die Kinder selbst eine Bemerkung oder Frage für eine weitere Diskussion aussuchen zu lassen.
Nehmen wir eine Frage, die ich von einer Schülerin in Australien gestellt bekam, als Beispiel: „Ich frage mich gerade, was Gyges für ein Mensch war, bevor er den Ring gefunden hat.“ Diese Frage bietet einen exzellenten Ausgangspunkt für gemeinsame Überlegungen. Denn wäre Gyges wirklich ein guter Mensch gewesen, bevor er den Ring fand, könnte man doch davon ausgehen, dass er den Ring benützen würde, Gutes und nicht Schlechtes zu bewirken. Gehen wir aber davon aus, dass es in Wirklichkeit keine guten Menschen gibt, sondern nur Menschen, die nichts Böses tun aus Angst, dabei erwischt und dafür bestraft zu werden, dann wird das, was Gyges mit dem Ring anstellt, uns nicht überraschen. Wenn wir das aber nicht als Voraussetzung akzeptieren, könnten wir annehmen, dass der Besitz des Rings ganz einfach eine Art Prüfung sei, mit der man feststellen könnte, was für ein Mensch man in Wirklichkeit ist.
Ein anderes Klassenmitglied könnte Folgendes fragen: „Was würde ich wohl tun, wenn ich den Ring hätte?“ Wenn wir ehrlich sind, müssten wir zugeben, dass wir wahrscheinlich auch etwas Böses mit dem Ring anstellen würden. Aber kann man dennoch wirklich ganz ausschließen, dass ein wirklich böser Mensch den Ring nicht doch vielleicht zum guten Zweck benutzen könnte, in dem er zum Beispiel unerwartet jemandem etwas schenkt? Diese Idee stammt von einem Schüler in Minnesota.
Ein anderes Kind aus Minnesota wollte wissen, was genau durch den Ring unsichtbar gemacht wird. Falls die Kleidung nicht unsichtbar wird, würde der Ring nicht viel nützen. Aber falls alles, was man anfasst, unsichtbar wird, könnte man selbst den Boden, auf dem man geht, nicht mehr sehen, und liefe dann Gefahr, in ein Loch zu fallen oder über einen Stein zu stolpern.
Nachdem eine Frage oder Bemerkung von der Tafel besprochen wurde, sollte man die Nächste dran nehmen. Falls möglich, sollte man alle Punkte an der Tafel besprechen, wenn auch nur kurz, damit sich kein Kind übergangen fühlt. Natürlich wird manchmal die Diskussion eines Punktes von ganz alleine eine Antwort oder Idee bezüglich einer anderen Frage oder Bemerkung einleiten.
Nach einer ausreichenden Diskussionszeit, könnte man jetzt gemeinsam überlegen, ob man etwas über die Geschichte sagen kann, womit alle einverstanden wären. Vielleicht gibt es sogar mehrere Punkte worüber man sich einig ist. Es kann aber auch zu Unstimmigkeiten kommen. In dem Fall kann es auch nützlich sein, die Schüler, die eine Meinung vertreten, dazu anzuregen, zu versuchen die Schüler, die von ihrer Meinung überzeugt sind, dazu anzuregen, gegenteilige Meinungsvertreter von ihrem Standpunkt zu überzeugen und umgekehrt. Die Fragen, die beim Philosophieren zur Sprache kommen sind aber so grundsätzlich und allgemein, dass wir uns nicht wundern dürfen, wenn Zwiespältigkeit bleibt, selbst nach einer langen Diskussion. Nichts desto trotz ist es fast immer ein Versuch wert, zumindest ein bisschen auf einander zu zugehen.
Nachdem alle Bemerkungen und Fragen von der Tafel ausführlich besprochen wurden, könnte man die Kinder dazu anregen, einen kleinen Aufsatz bezüglich der Geschichte „der Ring des Gyges“ oder auch zu einer grundsätzlichen Frage aus der Geschichte zu schreiben. Bei dieser Geschichte, könnte man die Schüler stattdessen bitten, sich zu Adams Ausgabe (siehe unten) oder einer vereinfachten Version davon zu äußern.
Die hier gesammelten Geschichten lassen sich mit Kindern sehr unterschiedlicher Altersgruppen bearbeiten. Die letzte Geschichte ist allerdings etwas schwieriger zu begreifen. Aber Lehrkräfte und Eltern, die gerne das Thema „Lügen“ mit Kindern, die die Geschichte nur schwer verstehen, besprechen möchten, können die Geschichte zum eignen Zwecke auch gerne vereinfachen.

Matthews_Der Ring des Gyges.pdf
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Matthews_Vollkommen glücklich.pdf
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Matthews_Teile.pdf
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Matthews_Freundschaft.pdf
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Matthews_Lügen erzählen.pdf
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Bemerkungen für Lehrkräfte und Eltern

Diese Bemerkungen zu 5 von den Geschichten in diesem Bausatz zum Philosophieren für Schulkinder sollen auf gar keinen Fall dazu dienen, die Diskussionen zu lenken. Sie geben auch nicht vor, zu welchem Entschluss Sie mit den Kindern kommen sollen. Die Gespräche, die Sie mit den Kindern führen, können viele interessante Ideen und Vorschläge erzeugen, die sich sehr von dem, was ich hier sagen werde, unterscheiden werden. Die Philosophie ist ein wundersam fruchtbares Gebiet. Es wäre unmöglich für mich, alle, auch nicht mal die meisten, interessanten Ideen vorherzusehen, die Sie gemeinsam mit den Kindern entdecken werden, während Sie eine oder mehrere von den vorgegebenen Themen besprechen.
Noch allgemeiner, und deshalb wichtiger, es ist nicht das Ziel einer wahren philosophischen Diskussion, an irgendeinen vorher bestimmten Punkt zu gelangen. Viel mehr ist die Erfahrung wichtig, die Ideen, welche die Beteiligten von sich geben und den Entschluss, oder die Entschlüsse, die sie am meisten überzeugend finden und warum.
Es ist aber dennoch wichtig, zu versuchen, zu einem Entschluss zu gelangen. Es kann sein, dass alle Beteiligten sich über einen überragenden Entschluss einigen können oder vielleicht ein etwas eingeschränkter Entschluss oder Entschlüsse. Entschlüsse in der Philosophie sind nur vorläufig. Wir sollten immer offen bleiben, einen beim letzten Mal getroffenen Entschluss neu zu erforschen, wobei wir trotzdem vielleicht dann wieder zum gleichen Entschluss kommen werden.

 

Der Ring des Gyges


Die Geschichte des Ring des Gyges kommt aus Platos Republik, Buch 2 (359C-360D). In diesem Teil des Dialoges, möchte Glaucon, Sokrates Gesprächspartner, den psychologischen Egoismus verteidigen. Psychologischer Egoismus ist der Glaube, dass wir immer auf eine Art und Weise handeln, die unsere eigenen Interessen fördert und unser Verlangen befriedigt.
Nach Glaucon steht die moralische Person in der Mitte zwischen dem Besten überhaupt, nämlich der Möglichkeit, dem, was wir möchten, ohne Einschränkung nach- gehen zu können, und dem Schlimmsten überhaupt, nämlich unter den Versuchen von anderen, die uneingeschränkt probieren, ihre Verlangen zu befriedigen, zu leiden. Die Moral in diesem Fall verlangt, dass wir einen Teil unserer Freiheit aufgeben, damit wir die eingeschränkte, aber echte Freiheit, zumindest einen Teil von dem, was wir wollen, nach- gehen zu können. Die Moral wäre dann eine Art soziale Vereinbarung oder sozialer Vertrag.
Psychologischer Egoismus, als grundsätzliche Behauptung bezüglich menschlicher Motivation, scheint widerlegbar, da sogar Kleinkinder selbstlos handeln können, aus Mitgefühl anderen gegenüber. Nichts desto Trotz, die Idee, dass man „ganz tief im Inneren“ immer den Interessen, die man für seine eigenen hält, nachgeht, erscheint vielen als sehr glaubwürdig. Diese Idee sollte neu aufgenommen und kritisch beurteilt werden, und der Ring des Gyges bietet eine gute Gelegenheit dazu.

 

Vollkommen glücklich sein


Die Inspiration für diese Geschichte kam aus Platos Dialog Gorgias (494CD). Beim ersten Blick ist die Idee, dass man vollkommen glücklich wäre, wenn man in dem Augenblick etwas so sehr genießen würde, dass man sich nichts anderes wünschen würde, sehr glaubwürdig. Es dient manchen als Beweggrund, sich mit Drogen zuzudröhnen oder sich mit Alkohol zu besaufen.
Aber die Idee, dass so etwas wie „vollkommen glücklich sein“ überhaupt existiert, beachtet die langfristigen Konsequenzen der vorübergehenden Glückseligkeit nicht. Während einer Diskussionsrunde mit einer fünften Klasse in Osaka, Japan zu diesem Thema, sagte einer Studentin: „Sich so sehr daran zu erfreuen, einen Insektenstich zu kratzen, dass man in dem Moment nichts anderes machen möchte, ist nur eines der Blütenblätter der Blume des Glücks.“ Ich hätte mich nicht so poetisch ausdrücken können wie dieses japanische Mädchen, aber ich glaube es hat Rechtrecht. Es wäre schön, diese Gedanken weiter zu verfolgen, sie zu verteidigen und weiter zu entwickeln.

 

Teile


Im Buch 4 des Dialogs, der Republik, teilt Platos Sokrates das Selbst in drei Teile: das Rationale, das Beherzte (das, was uns bewegt, mutige Taten zu vollbringen) und die Appetitive. Freud teilt das Selbst in Ego, Superego und Id. Andere Philosophen und Psychologen haben andere Aufteilungen vorgeschlagen.
Das Selbst in irgendeiner Form zu teilen kann offensichtlich uns helfen zu verstehen, wie es sein kann, dass wir sowohl noch ein Glas trinken möchten, aber auch nicht noch ein Glas trinken möchten (weil wir noch fahren müssen, zum Beispiel). Aber vielleicht ist diese Hilfe doch nur illusorisch. Denn, es könnte auch sein, dass wir zwei verschiedene böse Sachen machen möchten, obwohl wir wissen, dass wir doch nicht beide machen können. Vielleicht möchten wir auch zwei gute Sachen machen und realisieren, dass dies nicht möglich ist. Keine einfache Unterteilung des Selbst in zwei oder drei Teile ist in der Lage, alle möglichen entgegengesetzten Wünsche zu erklären.
Es gibt noch einen sehr wichtigen Punkt, den man nicht außer Acht lassen sollte. Wenn wir uns zu sehr in die Vorstellung „ein Teil von mir wollte dieses, aber ein anderer Teil wollte jenes“ vertiefen, entsteht die Möglichkeit, dass keiner die Situation wirklich beherrscht. Weiter verfolgt hieße es, man könne deshalb meinen, keine wirkliche Verantwortung für seine Taten übernehmen zu müssen. Immerhin, es war doch nur ein Teil von mir, der das wollte.

 

Freundschaft


Die Inspiration für diese Geschichte war der Platonische Dialog Lysis, in dem es untersucht wird, was es wirklich heißt, ein Freund zu sein. Auf Griechisch heißt Freund philos. Philos stammt vom Griechische Verb „lieben“ ab. Das heißt, Philanthropie ist die Liebe für anthropoi oder die liebevolle Behandlung anderer Menschen. Und deshalb sollten auch Freunde, philoi, auch Liebhaber sein, also Menschen, die einander lieben, zumindest auf platonische Art und Weise.
Dann stellt sich aber die dringende Frage, auf Griechisch etwas deutlicher als auf Deutsch, kann es überhaupt eine Freundschaft geben, die nicht auf Gegenseitigkeit beruht? Kann A mit B befreundet sein, ohne das B mit A befreundet ist? In Platons Dialog, weist Sokrates darauf hin, dass die Liebe oft nicht erwidert wird. Demnach könnte also A Bs Freund sein, aber B kein Freund von A. Stimmt dies aber wirklich?
Eine Frage, die Sokrates stellt, ist, ob die Freundschaft wirklich auf Gegenseitigkeit beruhen muss, ob die Freundschaft so beschaffen ist, dass sie Gegenseitigkeit erzwingt. In meiner Geschichte drängt Joy auf diesen Punkt. Aber vielleicht sollten wir doch Gegenseitigkeit als Voraussetzung fallen lassen, insbesondere, falls wir bereit sind zu akzeptieren, dass man ein Freund der Tiere oder der Natur oder der Umwelt sein kann.
Freundschaft ist ein sehr reichhaltiges Thema für das Philosophieren mit Kindern. Denn Kinder beschäftigen sich sehr stark, manchmal zu stark, mit dem Thema „Freundschaft,“ sei es Freundschaften schließen oder die Bedrohung oder das Ende einer Freundschaft. Ihre Einblicke zum Thema können Eltern oder Lehrer vieles erleuchten, genauso, wie die erwachsene Sichtweise bezüglich Freundschaft einem Kind auch manchmal weiter helfen kann.

 

Lügen


Diese letzte Geschichte ist wahrscheinlich am schwierigsten von allen fünf. Um es wirklich zu verstehen, muss man die drei Konditionen, die man oft als notwendig und auch ausreichend für eine Lüge, akzeptiert. Ein zeitgenössischer Philosoph könnte es so ausdrücken:
(L) Indem er A p sagt, lügt B nur, falls alle drei Bedingungen erfüllt sind, nämlich:
p nicht der Wahrheit entspricht;
B glaubt, dass p nicht der Wahrheit entspricht; und
indem er A p sagt, B A täuschen möchte in Bezug auf p.

Die Geschichte mit Laura, Beth und Brad bringt Unsicherheit bezüglich Bedingung ins Spiel. In der Geschichte, und ich persönlich würde diese Sichtweise unterstützen, kann man lügen, ohne jemanden damit täuschen zu wollen. Aber die anderen zwei Bedingungen konnten auch in Frage gestellt werden. Zum Beispiel, manche glauben, ich würde lügen, falls ich, in der festen Überzeugung, Beth sei nicht im Zimmer nebenan, behaupten würde, sie sei nicht im Zimmer nebenan – obwohl sie es doch ist. Das erscheint mir nicht ganz richtig, aber vielleicht halten Sie oder ein paar ihrer Schüler es für richtig.
Wenn man über die Quintessenz des Lügens nachdenkt, ist es immer hilfreich, konkrete Beispiele vor Augen zu haben. Anderenfalls kann man ganz leicht den Faden verlieren und weiß dann nicht mehr, welchen Standpunkt man vertritt, beziehungsweise kritisiert.
Diese Geschichte basiert nicht auf einer Diskussion bezüglich des Lügens in Platon, denn eigentlich ist die Ehrlichkeit für Platon nicht mal eine der Haupt-Tugenden, noch ist das Lügen an sich eine der Haupt-Untugenden. Aber viele von den frühen Dialogen befassen sich mit Fragen, wie man verschiedene Tugenden und Untugenden zu verstehen hat. Da die Meisten von uns der Meinung sind, dass Verlogenheit eine Untugend ist, ganz richtig, glaube ich, ist die Geschichte immer noch sokratisch im Geist.
Erstaunlicherweise enden fast alle frühen Dialoge des Platons in Verwirrung. Der Dialog Laches, zum Beispiel, befasst sich mit der Quintessenz des Muts. Aber nach einer langen und ziemlich faszinierenden Diskussion endet dieser Dialog auch in Verwirrung. 
Eine umfassende Frage, die diese Dialoge des Platons alle stellen, ist wie folgt: wie können wir überhaupt Mut, Feigheit, Lügen oder Wahrheit sagen, wenn wir nicht in der Lage sind, genau zu erklären, welche Bedingungen sowohl ausreichen als auch eingehalten werden müssen, damit etwas als Akt des Mutes, Fall der Feigheit, Sagen der Wahrheit oder Lügen erzählen, bezeichnet werden kann. In ein paar von den „mittleren“ Dialogen veranlasst Platon Sokrates vorzuschlagen, dass wir einfach mit latenten Kenntnissen dieser Tugenden und Untugenden geboren worden sind, Kenntnisse, die wir „vergessen“ haben und wieder erlangen müssen. Daraus folgend wären dann unsere philosophischen Überlegungen ein Versuch, durch „Erinnerung“ das zurück zu gewinnen, was wir schon durch die frühere Erfahrung der Seele wissen. 
Eine „vereinfachte Version“ Platons Theorie des Erlernen als Erinnerung würde vielleicht behaupten, wir hätten Zugang zu irgendeiner angeborenen Vorstellung des Lügens, zum Beispiel. Wir können dieses angeborene Wissen benutzen, um Lügen zu erkennen, obwohl wir die nötigen und ausreichenden Bedingungen für eine Lüge nicht genau angeben können. Es ist vielleicht, als würden wir zum Flughafen fahren, um einen alten Freund abzuholen, den wir seit Jahren nicht gesehen haben. Wir können ihn nicht genau beschreiben, genau so wenig, wie wir eine Lüge genau und ausreichend beschreiben können. Wir erkennen ihn aber doch, genau wie man eine Lüge erkennen kann, auch ohne eine genaue „Definition“. Dennoch wäre es zufriedenstellender, wenn man durch die philosophische Diskussion doch zu einer zufriedenstellenden Definition des Lügens oder des Muts oder der Freundschaft kommen könnte.

Kreatives Philosophieren über das Böse mit einem Bilderbuch

ausgehend vom Bilderbuch: Das Buch der Bösen von Toni Slade Morrison

ein Beitrag von Kristina Calvert

 

 

Kommentar 
Philosophische Einordnung des Themas: Das Böse, die Angst, die Gewalt sind Themen kindlicher Realität jeden Alters. Damit gehört es zum wesentlichen Bestandteil des Philosophierens mit Kindern, das sich an den Erfahrungen und Themen der Kinder orientiert. Die Frage nach: Was ist Böse? und damit die Frage nach Wer ist Böse? gehört in den Bereich "Ethik" und philosophische Anthropologie. 
Was soll ich tun? fragt man in der Ethik und fragt damit auch immer, was soll ich tun, damit meine Handlung/ Absicht/ Mittel/ Konsequenz/ gut ist und nicht böse. 
Verschiedene Stichworte fallen zum Thema sofort ein: 
Der Zweck heiligt die Mittel!
Ich wollte stets das Gute?
Man sollte eben das kleinere Übel wählen
etc. 
Kann man unabhängig von einer konkreten Situation/ Handlung bestimmen, was Böse ist? Gibt es das "Böse"? Gibt es böse Menschen? wie es der Titel des Kinderbuchs suggeriert? Ausgehend von den Ausführungen von Christian Thies "Einführung in die philosophische Anthropologie", WBG 2004, Seite 125 bis 137, kann man zwischen vier Formen des Bösen unterscheiden: 
Das affektive, das kalkulierte, das banale und das heilige Böse. 
Die ersten drei Formen des Bösen lassen sich auch in dem Bilderbuch wieder finden. 

(Siehe hierzu im Seminar "Philosophieren über das Böse" LI-Hamburg, Frühjahr 2006) 


Fragen zum Einstieg in das Philosophische Gespräch
1. Sammelt Worte, Begriffe, die das gleiche wie "Böse" bedeuten, worin bestehen die Unterschiede? 
2. Benennt den Unterschied zwischen schlecht und böse.
3. Ordnet die Worte, sucht nach übergeordneten Kategorien
4. Woran erkennt man das Böse?
5. Welche Form, welche Farbe, welche Handbewegung, welche Gesichtsmimik ordnet ihr dem Bösen zu? Welche dem Guten? 

Kreative Umsetzung 
Verteilt vier Zettel in einem 1 m mal 1 m großem Quadrat in der Klassenmitte. Geht in Zeitlupe von Zettel zu Zettel und verändert dabei eure Handbewegung und eure Mimik. 

Lesen Sie die Geschichte "Das Buch der Bösen" vor. 
1. Wer ist aus Sicht des kleinen Hasen alles böse? 
2. Warum ist das Brüllen der Mutter böse? 
3. Warum ist das Essen böse?
4. Warum die Anordnungen der Großeltern?
5. Ist das Brüllen genauso böse wie das Setzen des Springers auf dem Schachfeld?
6. Warum lächeln Böse? 
7. Warum lächelt der kleine Hase am Ende der Geschichte ebenfalls böse?
8. Denkst du immer darüber nach, ob du böse oder nicht böse bist?
9. Ist ein Mensch an sich böse oder nur in Bezug auf etwas Bestimmtes? 
10. Kannst du dir vorstellen, dass das was heute böse ist, morgen vielleicht gut ist?
11. Versuchst du immer "nicht böse" zu sein? Gelingt es dir immer?

12. Woher weißt du, wann du böse bist und wann nicht? 

Kreative Umsetzung
Entwerft euer eigenes "Buch der Bösen" oder "Buch des Bösen"

Der Philosoph Robert Spaemann meint 
"Wer schlecht handelt, weiß nicht, was er tut.
Die Sache ist nur die: er will es auch nicht wissen!
Darin liegt das Böse. 
Nicht in einer ausdrücklich schlechten Absicht."

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