Philosophieren mit Kindern Hamburg e.V.
 

Ein Bausatz zum Philosophieren für Schulkinder

Ausgehend von den Texten von Platon

von Gareth B. Matthews

Einleitung

Ich schrieb die folgende Sammlung von Geschichten, um Schulkindern die Freude und Herausforderung, die das gemeinsame Philosophieren mit sich bringt, vorzustellen. Unter „philosophieren“ verstehe ich aber nicht nur, dass man sich mit den großen Philosophen befasstbefaßt, sich ihrem Leben oder Theorien und Ideen widmet, vielmehr ist es die Aufgabe selbst zu philosophieren, eigene Ideen zu entwickeln und zu untersuchen. Die Methode, die ich dafür bevorzuge ist eine modifizierte Form der „Forschungsgemeinschaft.“ Diese Methode wurde von Matthew Lipman an dem „Institut for the Advancement of Philosophy for Children“ an der Monclair State University in Upper Montclair, New Jersey, entworfen. Im Folgenden sind meine Vorschläge für Lehrkräfte aber auch für Eltern, die sich für das Philosophieren mit Kindern interessieren.
Nehmen wir an, eine Lehrerin möchte die erste Geschichte, „Der Ring des Gyges,“ in ihrer Klasse einsetzen. Ich schlage vor, die Geschichte zu vervielfältigen, damit jedes Kind eine Kopie für sich hat, einen Text, den es selbst in die Hand nehmen, lesen und sich damit befassen kann. Zum Unterrichtsbeginn sollte jedes Kind die Geschichte für sich lesen. Nach- dem sie genügend Zeit dazu hatten, kann die Lehrerin sie jetzt bitten, gemeinsam die Geschichte laut vorzulesen. Vielleicht liest jedes Kind einen Absatz, oder auch nur einen Satz, abhängig von der Größe der Klasse. Obwohl jedes Kind die Geschichte schon selbst gelesen hat, kann die Klasse durch das gemeinsame Vorlesen der Geschichte gemeinsame Punkte zu besprechen entdecken.
Der nächste Schritt wäre dann, die Kinder anzuregen, sich über die Geschichte zu äußern, das heißt Bemerkungen oder Fragen zur Sprache zu bringen. Gezielte Fragen können diesen ProzessProzeß unterstützen: „Was haltet ihr von der Geschichte?“ „Gibt es etwas, was euch stutzig macht?“ „Hat die Geschichte euch zu denken gegeben?“ „Gibt es etwas was ihr bemerken oder fragen möchtet?“ Jede Bemerkung oder Frage soll an die Tafel geschrieben werden zusammen mit dem Namen des Kindes. (Die Namen festzuhalten erweckt den Gedanken, dassdaß wir beim Philosophieren zum dem, was wir sagen, stehen und auch einen Teil der Verantwortung dafür übernehmen.)
Wenn die Tafel mit den Fragen und Bemerkungen der Kinder voll geschriebenvollgeschrieben ist, könnte die Lehrerin dies alles laut vorlesen. Vielleicht möchte sie fragen, ob die Kinder Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bemerkungen und Fragen finden können. Nach einer generellen Diskussion bezüglich aller Ideen, wäre der nächste Schritt, die Kinder selbst eine Bemerkung oder Frage für eine weitere Diskussion aussuchen zu lassen.
Nehmen wir eine Frage, die ich von einer Schülerin in Australien gestellt bekam, als Beispiel: „Ich frage mich gerade, was Gyges für ein Mensch war, bevor er den Ring gefunden hat.“ Diese Frage bietet einen exzellenten Ausgangspunkt für gemeinsame überlegungen. Denn wäre Gyges wirklich ein guter Mensch gewesen, bevor er den Ring fand, könnte man doch davon ausgehen, dass er den Ring benützen würde, Gutes und nicht Schlechtes zu bewirken. Gehen wir aber davon aus, dassdaß es in Wirklichkeit keine guten Menschen gibt, sondern nur Menschen, die nichts Böses tun aus Angst, dabei erwischt und dafür bestraft zu werden, dann wird das, was Gyges mit dem Ring anstellt, uns nicht überraschen. Wenn wir das aber nicht als Voraussetzung akzeptieren, könnten wir annehmen, dass der Besitz des Rings ganz einfach eine Art Prüfung sei, mit der man feststellen könnte, was für ein Mensch man in Wirklichkeit ist.
Ein anderes Klassenmitglied könnte Folgendes fragen: „Was würde ich wohl tun, wenn ich den Ring hätte?“ Wenn wir ehrlich sind, müsstenmüßten wir zugeben, dassdaß wir wahrscheinlich auch etwas Böses mit dem Ring anstellen würden. Aber kann man dennoch wirklich ganz ausschließen, dassdaß ein wirklich böser Mensch den Ring nicht doch vielleicht zum guten Zweck benutzen könnte, in dem er zum Beispiel unerwartet jemandem etwas schenkt? Diese Idee stammt von einem Schüler in Minnesota.
Ein anderes Kind aus Minnesota wollte wissen, was genau durch den Ring unsichtbar gemacht wird. Falls die Kleidung nicht unsichtbar wird, würde der Ring nicht viel nützen. Aber falls alles, was man anfasst, unsichtbar wird, könnte man selbst den Boden, auf dem man geht, nicht mehr sehen, und liefe dann Gefahr, in ein Loch zu fallen oder über einen Stein zu stolpern.
Nachdem eine Frage oder Bemerkung von der Tafel besprochen wurde, sollte man die Nächste dran nehmen. Falls möglich, sollte man alle Punkte an der Tafel besprechen, wenn auch nur kurz, damit sich kein Kind übergangen fühlt. Natürlich wird manchmal die Diskussion eines Punktes von ganz alleine eine Antwort oder Idee bezüglich einer anderen Frage oder Bemerkung einleiten.
Nach einer ausreichenden Diskussionszeit, könnte man jetzt gemeinsam überlegen, ob man etwas über die Geschichte sagen kann, womit alle einverstanden wären. Vielleicht gibt es sogar mehrere Punkte worüber man sich einig ist. Es kann aber auch zu Unstimmigkeiten kommen. In dem Fall kann es auch nützlich sein, die Schüler, die eine Meinung vertreten, dazu anzuregen, zu versuchen die Schüler, die von ihrer Meinung überzeugt sind, dazu anzuregen, gegenteilige Meinungsvertreter von ihrem Standpunkt zu überzeugen und umgekehrt. Die Fragen, die beim Philosophieren zur Sprache kommen sind aber so grundsätzlich und allgemein, dassdaß wir uns nicht wundern dürfen, wenn Zwiespältigkeit bleibt, selbst nach einer langen Diskussion. Nicht desto trotz ist es fast immer ein Versuch wert, zumindest ein bisschenbißchen auf einander zu zugehen.
Nachdem alle Bemerkungen und Fragen von der Tafel ausführlich besprochen wurden, könnte man die Kinder dazu anregen, einen kleinen Aufsatz bezüglich der Geschichte „der Ring des Gyges“ oder auch zu einer grundsätzlichen Frage aus der Geschichte zu schreiben. Bei dieser Geschichte, könnte man die Schüler stattdessenstatt dessen bitten, sich zu Adams Ausgabe (siehe unten) oder einer vereinfachten Version davon zu äußern.
Die hier gesammelten Geschichten lassen sich mit Kindern sehr unterschiedlicher Altersgruppen bearbeiten. Die letzte Geschichte ist allerdings etwas schwieriger zu begreifen. Aber Lehrkräfte und Eltern, die gerne das Thema „Lügen“ mit Kindern, die die Geschichte nur schwer verstehen, besprechen möchten, können die Geschichte zum eignen Zwecke auch gerne vereinfachen.


Der Ring des Gyges

Adam setzte sich an den Schreibtisch, um seine Hausaufgabe zu schreiben. Seine Lehrerin, Frau Cohen, hatte der Klasse eine ziemlich schwierige Aufgabe gegeben. Zuerst sollten sie eine Geschichte über einen Schäfer im antiken Griechenland lesen, der einen magischen Ring gefunden hatte, einen Ring, der ihn unsichtbar machte. Hier war die Geschichte:

Gyges war Schäfer, ein Bediensteter des Königs von Lydia. Eines Tages gab es ein fürchterliches Gewitter, und ein Erdbeben riss die Erde auf, so dass ein großer Krater genau da entstand, wo Gyges immer auf seine Herde aufpassteaufpaßte. Als er das große Loch sah, war Gyges erstaunt und stieg in es herab. Und da unten, zusammen mit vielen anderen wundersamen Dingen, die uns nicht überliefert worden sind, fand er ein Pferd aus Bronze, das ganz hohl war. Im Pferd waren fensterähnliche öffnungen, und als er hinein schaute, sah er einen Leichnam, etwas größer als ein Mensch und völlig nackt bis auf einen goldenen Ring am Finger. Er nahm den Ring und stieg aus dem Krater wieder hinaus. Er trug den Ring zum ersten Mal beim monatlichen Treffen, bei dem dem König vom Zustand seiner Herde gewöhnlich berichtet wurde. Als er unter all den anderen saß, drehte er - ohne es zu merken - den Stein des Rings zur Handinnenfläche. Als er dies tat, merke er wie er unsichtbar wurde für alle, die um ihn herum saßen, denn die redeten weiter als wäre er schon gegangen. Er wunderte sich sehr, wobei er den Ring wieder anfassteanfaßte und den Stein wieder nach Außen drehte, womit er wieder sichtbar wurde. Er probierte es noch ein paar Mal, um sicher zu gehen, dass der Ring in Wirklichkeit diese Fähigkeit besaß – die er wirklich hatte. Wenn er den Stein nach innen drehte, wurde er unsichtbar; sobald er den Stein wieder nach Außen drehte, wurde er wieder sichtbar. Als ihm dieses klar wurde, meldete er sich als einen der Boten, der zum König gehen sollte, um Bericht zu erstatten. Dort angekommen, nahm die Königin ihn bald als Liebhaber. Mit ihrer Hilfe, griff er den König an, tötete ihn und übernahm sein Königreich.

Adam fand die Idee, so einen Ring zu besitzen, ziemlich aufregend. Er tat so, als habe er selbst einen und stellte sich vor, er drehe den Stein nach innen. Er wäre unsichtbar! Seine Eltern würden ihn nicht sehen können. Er könnte das Haus verlassen, ohne dass sie etwas davon bemerken würden, und in die Stadt zur Spielhalle gehen, ohne dass jemand etwas bemerkte. Stell dir vor, wie lustig das doch wäre!
Dann stellte er sich der Realität, denn die Hausaufgabe musstemußte er noch machen. Also los. Hier war die Aufgabe:

Aufgabe: Stell dir vor, du hast Zwillinge in der Klasse, Molly und Polly. Die sind nette Kinder. Manchmal stellen sie was an, aber meistens tun sie Gutes. Die putzen sich jeden Morgen die Zähne, helfen beim Abwaschen, machen ihre Betten, ohne dass man es ihnen sagen musstemußte. Falls sie 50 Cent in der Schule fanden, würden sie es dem Schuldirektor geben.
Aber mal angenommen, Molly findet den Ring des Gyges. Würde sie ihr Verhalten sofort ändern? Wäre sie nicht doch plötzlich ganz anderes als Polly? Würde sie Sachen anstellen, gemeine Sachen, die Polly nicht machen würde? Würde sie vielleicht anderen Kindern ein Bein stellen, nur weil es lustig wäre? Würde sie Geld klauen, falls welches am Lehrerpult herumliegen sollte? Schreibe deine Antwort und begründe sie.
Was sollte Adam schreiben? Was würdest du schreiben? Und warum würdest du es schreiben?


2. Vollkommen glücklich

„Na, wie war es denn heute in der Schule, Tony?“, fragte Tonys Mutter als sie ihm Spaghetti auffüllte. Die Familie Allen aß gerade zusammen zu Abend.

„Na ja, heute ist doch was ziemlich Cooles passiert,“ antwortete Tony. „Der Neue, Roy heißt er glaube ich, hat etwas total Lustiges gesagt.“

„Was denn?“, fragte Heather, Tonys Schwester.

„Nun, unsere Lehrerin, Frau Hernandez, war gerade dabei mit uns eine Geschichte zu besprechen, in der ein Mädchen sich wünscht, vollkommen glücklich zu sein. Frau Hernandez hat uns gefragt, ob wir uns daran erinnern könnten, je vollkommen glücklich gewesen zu sein.“

„Das ist eine interessante Frage,“ meinte Tonys Vater.

„Ja, aber hör zu. Roy meinte, wenn er einen Insektenstich am Hintern hätte, wisstwißt ihr, am Po, und es juckte wie verrückt, und er könnte es kratzen so viel er nur wollte, dann wäre er vollkommen glücklich.“

„Ist ja ekelig!“, sagte Heather und verzog das Gesicht.

„Ja, so ziemlich,“ stimmte Tony zu, „aber alle haben sich schlapp gelacht. Die Kinder haben so laut gelacht, dass wir Frau Hernandez überhaupt nicht mehr hören konnten, als sie versuchte uns zu beruhigen.“

„So was Widerliches aber auch,“ sagte Tonys Mutter und schüttelte den Kopf.

„Ist es auch,“ stimmte Heather ihr zu,“ aber er hat auch Recht! Wenn es einem so viel Vergnügen bereitet, einen Insektenstich der sehr doll juckt zu kratzen, dass man sich in dem Moment nichts anderes wünscht, dann ist man doch vollkommen glücklich.“

„Na ja, das ist nicht das, was ich unter ‚vollkommen glücklich‘ verstehe.“ protestierte Tony.

„Aber warum denn nicht?“, beharrte Heather. „Vollkommen glücklich heißt ganz einfach etwas in vollen Zügen genießen, sei es am Insektenstich zu kratzen, sich mit Torte voll zu stopfenvollzustopfen, oder was auch immer – man genießt es einfach so sehr, dass man sich nichts anderes wünscht in dem Moment. Hast du etwa eine bessere Erklärung dafür?“

Tony entschlossentschloß sich, das Thema zu wechseln. Er wünschte, er hätte seine Familie die Geschichte erst gar nicht erzählt. Er glaubte zwar nicht, dass Heather Recht hatterecht hatte, wusstewußte dennoch nicht, wie er sich verteidigen könnte. Sie gewann sowieso jeder Diskussion. Er hatte es ziemlich satt, dass sie immer Recht haben musstemußte.

Trotzdem, wusstewußte Tony nicht genau was er selbst unter „glücklich sein“ verstand, insbesondere „vollkommen glücklich sein.“ War es doch nur etwas so sehr zu genießen, dass man alles andere vergaß? Irgendwie kam ihm das nicht ganz richtig vor. Aber was hätte er über „vollkommen glücklich sein“ sagen können, dass er auch Heather gegenüber verteidigen könnte?


3 Teile

Anna: „Papa, gibt es eigentlich Teile von dir?“

Vater: „Natürlich, Anna. Ich habe doch zwei Beine, zwei Arme, einen Körper und einen Kopf. Das sind alles Teile von mir.“ Annas Vater hatte sich gerade hingesetzt und wollte das Fußballspiel im Fernsehen gucken.

Anna: „Nein, das meine ich doch nicht. Ich meinte wie eben, als wir zum Mittag gegessen haben. Ich hatte schon so viel gegessen, dass ich fast platzen musstemußte. Aber Mama hatte Apfelkuchen mit Eis zum Nachtisch gemacht und sie sagte, da es Sonntag war, durfte ich so viel Kuchen essen wie ich nur wollte. Also habe ich zwei Stück davon gegessen. Und dann, wollte so zu sagen ein Teil von mir noch ein Drittes, aber ein Teil von mir sagte, ich sollte es doch sein lassen, sonst wird mir richtig schlecht. Meinst du wirklich, man hat verschiedene Teile in sich, das eine möchte mehr und mehr Kuchen essen, und das andere ist vernünftig und sagt lasslaß es doch sein?

Vater: „Kann man so nennen, oder? Man kann doch sagen, dassdaß du ein gieriges Teil in dir hast, das immer mehr Kuchen essen möchte, und ein vernünftiges Teil, das dich davon abhält, oder nicht?“

Anna: „Ja, genau das sagt mein Freund Tony. Er sagt, es stecken verschiedene Teile in einem und ein Teil möchte das eine, während der andere Teil gleichzeitig was ganz anderes möchte. Wir haben uns gestern in der Schule in der Frühstückspause darüber gestritten. Ich habe ihm gesagt, das ist nur eine Art zu reden, verstehst du? Eine Art Ausrede halt. Denn wir bestehen doch nicht wirklich aus verschiedenen Teilen. Es ist bloß, dass wir manchmal verschiedene Wünsche haben, verstehst du, wir wollen manchmal zwei verschiedene Sachen. Und manchmal ist es so, dassdaß wir nicht alle Wünsche erfüllen können. Zum Beispiel, ich könnte mir nicht beide Wünsche – auf der einen Seite mehr Kuchen zu essen, aber auch auf der anderen, dass mir nicht übel wird – erfüllen. Also kämpft der eine Wunsch gegen den anderen an.“

Vater: „Klingt ziemlich logisch.“

Anna: „Ja, aber Tony hat gesagt, es ist nicht so, dass unsere Wünsche in unserem Kopf einfach herum schwimmen wie Blätter auf dem Wasser. Man wünscht sich doch nichts, ohne dass man es sich selber wünscht. Also kann es dann nicht sein, dass man selber sowohl noch ein Stück Kuchen wünscht als auch sich nicht schlecht zu fühlen.“

Vater: „Wieso denn nicht?“

Anna: „Nun, Tony hat behauptet, das wäre so als würde man sagen, man sitzt ganz still, bewegt sich aber trotzdem. Ein Teil von dir könnte sich bewegen, wie zum Beispiel deine Hand, während der Rest ganz still ist. Aber du selber, als Ganzes, kannst nicht beides gleichzeitig. Willst du wissen, was ich darauf geantwortet habe?“

Vater: „Na klar, sag‘s mir doch.“

Anna: „Ich sagte, und ich bin mächtig stolz, dass ich es mir ausgedacht habe, ich sagte, du kannst doch in der Bahn zum Beispiel sitzen, und du als Ganzes sitzt still auf dem Sitz, aber du als Ganzes bewegst dich doch, weil die Bahn sich bewegt.“

Vater: „Ziemlich schlau von dir, mussmuß ich schon sagen.“

Anna: „Ja, aber Tony wusstewußte auch drauf eine Antwort, wie immer. Er sagte, man kann nicht still und in Bewegung sein in Bezug aufs Gleiche. Das heißt, man kann sich nicht als Ganzes bewegen, aber auch gleichzeitig still sein in Bezug auf den Boden. Und was den Kuchen angeht, man kann nicht als ganze Person es essen wollen aber auch gleichzeitig nicht essen wollen. Aber er behauptet, ein Teil von dir kann es essen wollen, während das andere Teil es doch nicht essen möchte. Was meinst du, hat er Rechtrecht oder nicht?“

Vater: „Du, ich weiß es wirklich nicht. Ehrlich. Setzt dich doch lieber zu mir und schau dir das Spiel an.

Anna: „Oh Mann, Papa, ich wünschte, du könntest mir helfen. Na gut, dann werde ich es für mich selber lösen müssen. Gibt es nun wirklich verschiedene Teile von mir oder nicht? Das ist doch die Frage.“


4. Freundschaft

Alissa: „Und ich dachte, sie wäre meine Freundin.“

Joy: „Meinst du Norma?“

Alissa: „Ja, Norma. Weißt du, was sie gemacht hat?“

Joy: „Nun, ich schätze, es hat etwas mit Jonathan zu tun, oder?“

Alissa: „Ganz genau. Sie ist doch tatsächlich mit meinem Freund Jonathan ins Kino gegangen, ohne es mir zu sagen!“

Joy: „Und jetzt ist sie nicht mehr deine Freundin?“

Alissa: „Natürlich nicht, wie denn auch?“

Joy: „Was verstehst du eigentlich unter „Freundin?“

Alissa: „Na ja, eine Freundin ist jemand, der dich mag und . . .“

Joy: „Und was noch?“

Alissa: „und gern mit dir zusammen ist.“

Joy: „Und du meinst jetzt mag dich Norma nicht mehr und möchte auch nicht mehr mit dir zusammen sein.“

Alissa: „Dazu wird sie nicht mehr die Gelegenheit haben. Das ist vorbei. Sie ist für mich gestorben.“

Joy: „Kann ich verstehen, aber du hast meine eigentliche Frage nicht beantwortet. Du hast gesagt, dass Norma nicht mehr deine Freundin ist. Und du hast auch gesagt, dass eine Freundin jemand ist, der einen mag und gern mit einem zusammen ist. Das heißt, du glaubst, entweder mag dich Norma nicht mehr oder aber sie möchte nicht mehr mit dir zusammen sein. Aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich glaube, sie mag dich genau so sehr wie immer und möchte immer noch mit dir zusammen sein.“

Alissa: „Aber ich habe doch gesagt, dazu wird sie keine Gelegenheit mehr habe, nicht nach dem sie mir das angetan hat.“

Joy: „Aber du hast mich immer noch nicht ganz verstanden. Du hast gesagt, Norma ist nicht mehr deine Freundin. Aber du hast nicht gesagt, dass sie dich nicht mehr mag oder mit dir zusammen sein möchte, wenn du ihr dazu die Gelegenheit geben würdest.“

Alissa: „Ja, gut, ich verstehe was du damit meinst. Na ja, dann mussmuß doch mehr an einer Freundschaft sein als nur das, was ich eben gesagt habe. Ich glaube der andere mussmuß dir auch etwas bedeuten, nur weil man ist wie man ist. Ich kann Norma aber nicht viel bedeuten, wenn sie bereit ist, mit meinem Freund ins Kino zu gehen ohne mir etwas davon zu sagen.“

Joy: „Du solltest aber auch ihre Seite der Geschichte dir anhören. Vielleicht liest du zu viel hinein. Vielleicht hatte sie einen guten Grund mit Jonathan ins Kino zu gehen ohne dir davon zu erzählen. Bist du eigentlich immer noch ihre Freundin?“

Alissa: „Bist du verrückt? Natürlich nicht. Wie könnte ich auch, wenn sie mich so behandelt.“

Joy: „War ja auch nur eine Frage.“

Alissa: „Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit. Ich kann nicht ihre Freundin sein, wenn sie nicht meine ist, und umgekehrt.“

Joy: „Aber ich glaube nicht, dassdaß man das aus dem, was du gesagt hast, schließen kann. Ich könnte dich mögen, gern mit dir zusammen sein, du könntest mir etwas bedeuten, nur weil du bist wie du bist, obwohl du mich nun gar nicht magst. So lange du mir nicht zeigst, dassdaß du mich nicht magst, nicht gern mit mir zusammen bist oder dass ich dir nichts bedeute, könnte ich doch deine Freundin sein ohne dass du meine wärst.

Alissa: „Ne, Moment mal. Das kann nicht stimmen. Ich sagte doch, Freundschaft beruht auf Gegenseitigkeit.“

Joy: „Aber kann dann eine Katze oder ein Hund ein Freund sein? Bist du mit Ruggles, deinem Hund, befreundet?“

Alissa: „Klar doch. Aber Ruggles mag mich auch. Er ist sogar gern mit mir zusammen. Und ich bedeute ihm auch etwas, nur weil ich so bin wie ich bin. Also ist er ein echter Freund.“

Joy: „Aber nehmen wir doch mal an, Ruggles müsstemüßte ständig nur herum pupsen, so dass du nicht mehr in seiner Nähe sein könntest. Du würdest ihn wohl noch mögen. Aber du wärest nicht mehr gern mit ihm zusammen, das bestimmt nicht. So, selbst wenn er noch dein Freund wäre, wärest du nicht mehr seine Freundin – zumindest nach dem was du über die Freundschaft gesagt hast. Also, mussmuß Freundschaft nicht auf Gegenseitigkeit beruhen.“

Alissa: „Oh Joy, ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Vielleicht bin ich nur zu durcheinander, um klar über die Freundschaft nachzudenken. Aber ich weiß ganz genau, dassdaß die Freundschaft zwischen Norma und mir aus ist. Aus und vorbei. Sense.“

Joy: „Na ja, wenn du dich wieder ein bisschenbißchen abgeregt hast, könnten wir vielleicht noch mal darüber reden. Ich würde doch sehr gerne wissen, was es genau bedeutet, befreundet zu sein und ob man mit jemandem befreundet sein kann ohne dass er selber mit einem befreundet ist.“


5. Lügen erzählen

Laura: „Hallo, Beth. Ist dein großer Bruder von der Uni zurück?

Beth: „Ja, er ist gestern Abend gegen Mitternacht angekommen und hat uns alle aufgeweckt. Ich hatte ganz vergessen, wie vielwieviel lauter es hier ist, wenn Brad zu Hause ist. Warte! Ich glaube ich höre ihn gerade.“

Brad kommt die Treppe runter im Bademantel, „Gibt’s Kaffee? Ich mussmuß mal wach werden.“

Beth: „Doch, Mutter hat welchen gemacht, es müsstemüßte noch welcher da sein.“

Brad schenkt sich Kaffee ein und bemerkt dabei Laura: „He, Laura, wie steht’s mit dir? Quiekst du noch an der Klarinette herum?“

Laura, frostig: „Ich spiele schon lange nicht mehr Klarinette.“

Brad: „Womit du bestimmt allen eine Freude gemacht hast. Mal ehrlich, manche sind einfach unmusikalisch.“

Laura ärgert sich über Brads Benehmen, „Eigentlich war das gelogen. Ich spiele noch. Vielleicht würde es dich überraschen zu hören, das ich die 1. Klarinette im Schulorchester bin.“

Brad: „Tja, übung macht den Meister, selbst bei den Unbegabten. Aber wo du gerade vom Lügen sprichst, da du gerade gelogen hast, wirst du wohl wissen was eine Lüge ist. Erkläre es mir mal.“

Beth: „Lass sie doch mal in Frieden. Du bist nicht mal einen Tag hier, und schon nervst du meine beste Freundin wieder.“

Brad: „Aber was eine Lüge nun wirklich ausmacht ist ziemlich interessant. Wir haben es an der Uni in Philosophie durchgenommen. Laura hat bestimmt nichts dagegen, es mir zu erklären.“

Laura stellt sich der Herausforderung: „Na dann, Herr Professor, eine Lüge ist ganz einfach eine Unwahrheit. Was ich dir zuerst erzählte war eine Unwahrheit.“

Brad: „Nicht schlecht, Laura. Eine Lüge erzählen heißt in erster Linie eine Unwahrheit erzählen. Aber ein bisschenbißchen mehr ist schon dabei. Nehmen wir mal an, ich hätte dir das mit der Klarinette wirklich geglaubt. Ich erzähle dann Beth das, was ich für die Wahrheit halte: nämlich, dass du nicht mehr Klarinette spielst. Wäre das dann eine Lüge?“

Laura, zögernd: „Ne, nicht ganz. Das ist glaube ich keine Lüge, denn du müsstestmüßtest eine Unwahrheit absichtlich erzählen wollen.“

Brad: „Braves Mädchen, nicht schlecht für den Anfang. Für eine Lüge, reicht es nicht nur, dass es nicht wahr ist, sondern du musstmußt auch glauben, dassdaß es nicht stimmt. Reicht das aber?“

Laura: „Und warum sollte es nicht, Herr Philosoph?“

Brad: „Nehmen wir mal an, du möchtest im Theater auftreten. Der Direktor sagt dir: ‚Laura, lies mal bitte mit einem Bayerischen Akzent Folgendes vor: „Ich spiele schon lange nicht mehr Klarinette.“‘ Das tust du dann auch. Es stimmt nicht. Du glaubst auch nicht, dass es stimmt. Ist dies dann wirklich eine Lüge?“

Laura: „Nein, natürlich nicht.“

Brad: „Warum denn nicht?“

Laura: „Na ja, ich versuche doch nicht den Direktor davon zu überzeugen, oder irgendjemandirgend jemand anderes, dass ich nicht mehr Klarinette spiele. Ich will ihn doch nur überzeugen, mich mitspielen zu lassen.“

Brad: „Ganz genau. Klasse Laura, du hast es erfassterfaßt. Ganz schön scharfsinnig. Damit es eine Lüge wird, muss eine äußerung drei Kriterien erfüllen. Erstens mussmuß es eine Unwahrheit sein. Zweitens musst du auch glauben, dassdaß es nicht stimmt. Und drittens musst du versuchen, jemanden von dieser Unwahrheit zu überzeugen.“

Laura: „Ist ja toll, Herr Professor Brad. Freut mich sehr, Sie damit zufrieden gestellt zu haben.“

Brad: „Prima. Versuch aber nicht zu vergessen, was du heute gelernt hast. Es könnte sein, dass wir morgen eine Arbeit schreiben.“

Während Laura und Beth das Haus verlassen, entschuldigt sich Beth für das Benehmen ihres Bruders: „Es tut mir echt Leidleid, dass er dich immer so behandelt. Ich versuche, ihn das nächste Mal davon abzuhalten.“

Laura: „Ich würde es ihm doch nur zu gerne zeigen. Ich würde ihm gerne zeigen, dass er doch nicht so schlau ist, wie er glaubt.“

Beth: „Na dann, viel Glück. Ich versuche es seit Jahren.“

Laura: „Ja, aber hat er denn auch wirklich Recht? Ich meine, stimmt es was er sagt? MusstMußt du wirklich versuchen, jemand von der Unwahrheit zu überzeugen, um eine Lüge zu erzählen? LassLaß uns doch mal überlegen.“

Beth: „Wahrscheinlich hat er Recht. Ist leider öfter so.“

Laura: „Aber Beth, hör doch mal zu. Nehmen wir mal an, ich habe einen Job bei Mc Donald. Nehmen wir auch an, eines Morgens ist nicht sehr viel zu tun und der Besitzer lässt mich alleine arbeiten, nur ein paar Minuten, während er zur Bank geht. Da es gerade keine Kundschaft gibt, bittet er mich, das schmutzige Geschirr in die Maschine zu stellen und alle Tische und die Theke zu wischen. Aber er sagt auch, dassdaß ich auf die Vase an der Theke aufpassen mussmuß, die seiner Großmutter gehörte. Er sagt, er kündigt mir, falls sie beschädigt wird. Und, natürlich, während ich die Theke wische, schmeiß ich die Vase runter und sie zerschmettert.

Als der Besitzer zurück kommt und den Schaden sieht, ist er ziemlich verärgert. ‚Wie ist das denn passiert?‘, w‘ will er wissen.

‚Es tut mir echt Leidleid,‘ sage ich, ‚ein Kunde hat es runter geschmissen. Es war bloß ein Kind. Ich kannte es nicht. Er wollte, glaube ich, einen Schoko-Riegel kaufen, hat aus Versehen die Vase kaputt geschmissen und ist dann abgehauen.‘

‚Stimmt das denn auch, Beth?‘, f‘ fragt er dich. Du unterstützt mich auch.

Wir haben beide gelogen. Der Besitzer glaubt auch, dassdaß wir gelogen haben. Es war keine sehr gute Geschichte, insbesondere da er nur ganz kurz weg war. Aber wollte ich ihn denn wirklich davon überzeugen? Nein. Ich hatte nur gehofft, meinen Job damit zu retten, dass er mich doch nicht feuert, wenn er keinen Augenzeugen hat, der gegen mich spricht..“

Beth: „Okay, ziemlich glaubwürdig.“

Laura, triumphierend: „Na, dann hatte doch dein oberschlauer Bruder nicht Rechtrecht. Ich kann doch eine Lüge erzählen, ohne den Besitzer des Ladens damit täuschen zu wollen. Du doch auch. Ich hoffe doch nur, dass er mich nicht feuert, wenn ich nicht zugebe, die Vase kaputt gemacht zu haben und er es sonst nicht beweisen kann, wie zum Beispiel mit einer Aussage von dir. So etwas passiert doch oft. Niemand glaubt dem Lügner. Der will nicht mal, dassdaß man ihm glaubt. Aber ohne ein Geständnis oder starke Beweise, erhofft sich der Lügner, damit unbestraft davon zu kommen.“

Beth: „ Nicht schlecht, Laura. Damit kannst du es vielleicht meinem unmöglichen Bruder zeigen. Aber wenn seine drei Bedingungen nicht stimmen, was heißt es denn dann eine Lüge zu erzählen?“

Laura: „Ich weiß es nicht. Ich glaube, wir verstehen einfach instinktiv, was eine Lüge ist.“

Beth: „Das wird aber nicht reichen. Wenn wir nicht genau sagen können, was eine äußerung zur Lüge macht, dann wissen wir nicht wirklich, was eine Lüge ist. Und das kann doch nicht sein.“


Bemerkungen für Lehrkräfte und Eltern

Diese Bemerkungen zu 4 von den Geschichten in diesem Bausatz zum Philosophieren für Schulkinder sollen auf gar keinen Fall dazu dienen, die Diskussionen zu lenken. Sie geben auch nicht vor, zu welchem EntschlussEntschluß Sie mit den Kindern kommen sollen. Die Gespräche, die Sie mit den Kindern führen, können viele interessante Ideen und Vorschläge erzeugen, die sich sehr von dem, was ich hier sagen werde, unterscheiden werden. Die Philosophie ist ein wundersam fruchtbares Gebiet. Es wäre unmöglich für mich, alle, auch nicht mal die meisten, interessanten Ideen vorherzusehen, die Sie gemeinsam mit den Kindern entdecken werden, während Sie eine oder mehrere von den vorgegebenen Themen besprechen.
Noch allgemeiner, und deshalb wichtiger, es ist nicht das Ziel einer wahren philosophischen Diskussion, an irgendeinen vorher bestimmten Punkt zu gelangen. Viel mehr ist die Erfahrung wichtig, die Ideen, welche die Beteiligten von sich geben und den EntschlussEntschluß, oder die Entschlüsse, die sie am meisten überzeugend finden und warum.
Es ist aber dennoch wichtig, zu versuchen, zu einem EntschlussEntschluß zu gelangen. Es kann sein, dass alle Beteiligten sich über einen überragenden EntschlussEntschluß einigen können oder vielleicht ein etwas eingeschränkter EntschlussEntschluß oder Entschlüsse. Entschlüsse in der Philosophie sind nur vorläufig. Wir sollten immer offen bleiben, einen beim letzen Mal getroffenen EntschlussEntschluß neu zu erforschen, wobei wir trotzdem vielleicht dann wieder zum gleichen EntschlussEntschluß kommen werden.

Der Ring des Gyges
Die Geschichte des Ring des Gyges kommt aus Platos Republik, Buch 2 (359C-360D). In diesem Teil des Dialoges, möchte Glaucon, Sokrates Gesprächspartner, den psychologischen Egoismus verteidigen. Psychologischer Egoismus ist der Glaube, dassdaß wir immer auf eine Art und Weise handeln, die unsere eigenen Interessen fördert und unser Verlangen befriedigt.
Nach Glaucon steht die moralische Person in der Mitte zwischen dem Besten überhaupt, nämlich der Möglichkeit, dem, was wir möchten, ohne Einschränkung nach- gehen zu können, und dem Schlimmsten überhaupt, nämlich unter den Versuchen von anderen, die uneingeschränkt probieren, ihre Verlangen zu befriedigen, zu leiden. Die Moral in diesem Fall verlangt, dass wir einen Teil unserer Freiheit aufgeben, damit wir die eingeschränkte, aber echte Freiheit, zumindest einen Teil von dem, was wir wollen, nach- gehen zu können. Die Moral wäre dann eine Art soziale Vereinbarung oder sozialer Vertrag.
Psychologischer Egoismus, als grundsätzliche Behauptung bezüglich menschlicher Motivation, scheint widerlegbar, da sogar Kleinkinder selbstlos handeln können, aus Mitgefühl anderen gegenüber. Nichts desto Trotz, die Idee, dass man „ganz tief im Inneren“ immer den Interessen, die man für seine eigenen hält, nachgeht, erscheint vielen als sehr glaubwürdig. Diese Idee sollte neu aufgenommen und kritisch beurteilt werden, und der Ring des Gyges bietet eine gute Gelegenheit dazu.

Vollkommen glücklich sein
Die Inspiration für diese Geschichte kam aus Platos Dialog Gorgias (494CD). Beim ersten Blick ist die Idee, dassdaß man vollkommen glücklich wäre, wenn man in dem Augenblick etwas so sehr genießen würde, dass man sich nichts anderes wünschen würde, sehr glaubwürdig. Es dient manchen als Beweggrund, sich mit Drogen zuzudröhnen oder sich mit Alkohol zu besaufen.
Aber die Idee, dass so etwas wie „vollkommen glücklich sein“ überhaupt existiert, beachtet die langfristigen Konsequenzen der vorübergehenden Glückseligkeit nicht. Während einer Diskussionsrunde mit einer fünften Klasse in Osaka, Japan zu diesem Thema, sagte einer Studentin: „Sich so sehr daran zu erfreuen, einen Insektenstich zu kratzen, dassdaß man in dem Moment nichts anderes machen möchte, ist nur eines der Blütenblätter der Blume des Glücks.“ Ich hätte mich nicht so poetisch ausdrücken können wie dieses japanische Mädchen, aber ich glaube es hat Rechtrecht. Es wäre schön, diese Gedanke weiter zu verfolgen, sie zu verteidigen und weiter zu entwickeln.

Teile
Im Buch 4 des Dialogs, der Republik, teilt Platos Sokrates das Selbst in drei Teile: das Rationale, das Beherzte (das, was uns bewegt, mutige Taten zu vollbringen) und die Appetitive. Freud teilt das Selbst in Ego, Superego und Id. Andere Philosophen und Psychologen haben andere Aufteilungen vorgeschlagen.
Das Selbst in irgendeiner Form zu teilen kann offensichtlich uns helfen zu verstehen, wie es sein kann, dassdaß wir sowohl noch ein Glas trinken möchten, aber auch nicht noch ein Glas trinken möchten (weil wir noch fahren müssen, zum Beispiel). Aber vielleicht ist diese Hilfe doch nur illusorisch. Denn, es könnte auch sein, dassdaß wir zwei verschiedene böse Sachen machen möchten, obwohl wir wissen, dass wir doch nicht beide machen können. Vielleicht möchten wir auch zwei gute Sachen machen und realisieren, dass dies nicht möglich ist. Keine einfache Unterteilung des Selbst in zwei oder drei Teile ist in der Lage, alle möglichen entgegengesetzten Wünsche zu erklären.
Es gibt noch einen sehr wichtigen Punkt, den man nicht außer Achtacht lassen sollte. Wenn wir uns zu sehr in die Vorstellung „ein Teil von mir wollte dieses, aber ein anderer Teil wollte jenes“ vertiefen, entsteht die Möglichkeit, dassdaß keiner die Situation wirklich beherrscht. Weiter verfolgt hieße es, man könne deshalb meinen, keine wirkliche Verantwortung für seine Taten übernehmen zu müssen. Immerhin, es war doch nur ein Teil von mir, der das wollte.

Freundschaft
Die Inspiration für diese Geschichte war der Platonische Dialog Lysis, in dem es untersucht wird, was es wirklich heißt, ein Freund zu sein. Auf Griechisch heißt Freund philos. Philos stammt vom Griechische Verb „lieben“ ab. Das heißt, Philanthropie ist die Liebe für anthropoi oder die liebevolle Behandlung anderer Menschen. Und deshalb sollten auch Freunde, philoi, auch Liebhaber sein, also Menschen, die einander lieben, zumindest auf platonische Art und Weise.
Dann stellt sich aber die dringende Frage, auf Griechisch etwas deutlicher als auf Deutsch, kann es überhaupt eine Freundschaft geben, die nicht auf Gegenseitigkeit beruht? Kann A mit B befreundet sein, ohne das B mit A befreundet ist? In Platons Dialog, weist Sokrates darauf hin, dass die Liebe oft nicht erwidert wird. Demnach könnte also A Bs Freund sein, aber B kein Freund von A. Stimmt dies aber wirklich?
Eine Frage, die Sokrates stellt, ist, ob die Freundschaft wirklich auf Gegenseitigkeit beruhen mussmuß, ob die Freundschaft so beschaffen ist, dass sie Gegenseitigkeit erzwingt. In meiner Geschichte drängt Joy auf diesen Punkt. Aber vielleicht sollten wir doch Gegenseitigkeit als Voraussetzung fallen lassen, insbesondere, falls wir bereit sind zu akzeptieren, dassdaß man ein Freund der Tiere oder der Natur oder der Umwelt sein kann.
Freundschaft ist ein sehr reichhaltiges Thema für das Philosophieren mit Kindern. Denn Kinder beschäftigen sich sehr stark, manchmal zu stark, mit dem Thema „Freundschaft,“ sei es Freundschaften schließen oder die Bedrohung oder das Ende einer Freundschaft. Ihre Einblicke zum Thema können Eltern oder Lehrer vieles erleuchten, genauso, wie die erwachsene Sichtweise bezüglich Freundschaft einem Kind auch manchmal weiter helfen kann.

Lügen
Diese letzte Geschichte ist wahrscheinlich am schwierigsten von allen fünf. Um es wirklich zu verstehen, mussmuß man die drei Konditionen, die man oft als notwendig und auch ausreichend für eine Lüge, akzeptiert. Ein zeitgenössischer Philosoph könnte es so ausdrücken:
(L) Indem er A p sagt, lügt B nur, falls alle drei Bedingungen erfüllt sind, nämlich:
p nicht der Wahrheit entspricht;
B glaubt, dass p nicht der Wahrheit entspricht; und
indem er A p sagt, B A täuschen möchte in Bezug auf p.

Die Geschichte mit Laura, Beth und Brad bringt Unsicherheit bezüglich Bedingung (iii) ins Spiel. In der Geschichte, und ich persönlich würde diese Sichtweise unterstützen, kann man lügen, ohne jemanden damit täuschen zu wollen. Aber die anderen zwei Bedingungen konnten auch in Frage gestellt werden. Zum Beispiel, manche glauben, ich würde lügen, falls ich, in der festen überzeugung, Beth sei nicht im Zimmer nebenan, behaupten würde, sie sei nicht im Zimmer nebenan – obwohl sie es doch ist. Das erscheint mir nicht ganz richtig, aber vielleicht halten Sie oder ein paar ihrer Schüler es für richtig.
Wenn man über die Quintessenz des Lügens nachdenkt, ist es immer hilfreich, konkrete Beispiele vor Augen zu haben. Anderenfalls kann man ganz leicht den Faden verlieren und weiß dann nicht mehr, welchen Standpunkt man vertritt, beziehungsweise kritisiert.
Diese Geschichte basiert nicht auf einer Diskussion bezüglich des Lügens in Platon, denn eigentlich ist die Ehrlichkeit für Platon nicht mal eine der Haupt-Tugenden, noch ist das Lügen an sich eine der Haupt-Untugenden. Aber viele von den frühen Dialogen befassen sich mit Fragen, wie man verschiedene Tugenden und Untugenden zu verstehen hat. Da die Meisten von uns der Meinung sind, dassdaß Verlogenheit eine Untugend ist, ganz richtig, glaube ich, ist die Geschichte immer noch sokratisch im Geist.
Erstaunlicherweise enden fast alle frühen Dialoge des Platons in Verwirrung. Der Dialog Laches, zum Beispiel, befasstbefaßt sich mit der Quintessenz des Muts. Aber nach einer langen und ziemlich faszinierenden Diskussion endet dieser Dialog auch in Verwirrung.
Eine umfassende Frage, die diese Dialoge des Platons alle stellen, ist wie folgt: wie können wir überhaupt Mut, Feigheit, Lügen oder Wahrheit sagen, wenn wir nicht in der Lage sind, genau zu erklären, welche Bedingungen sowohl ausreichen als auch eingehalten werden müssen, damit etwas als Akt des Mutes, Fall der Feigheit, Sagen der Wahrheit oder Lügen erzählen, bezeichnet werden kann. In ein paar von den „mittleren“ Dialogen veranlasstveranlaßt Platon Sokrates vorzuschlagen, dassdaß wir einfach mit latenten Kenntnissen dieser Tugenden und Untugenden geboren worden sind, Kenntnisse, die wir „vergessen“ haben und wieder erlangen müssen. Daraus folgend wären dann unsere philosophischen überlegungen ein Versuch, durch „Erinnerung“ das zurück zu gewinnen, was wir schon durch die frühere Erfahrung der Seele wissen.
Eine „vereinfachte Version“ Platons Theorie des Erlernen als Erinnerung würde vielleicht behaupten, wir hätten Zugang zu irgendeiner angeborenen Vorstellung des Lügens, zum Beispiel. Wir können dieses angeborene Wissen benutzen, um Lügen zu erkennen, obwohl wir die nötigen und ausreichenden Bedingungen für eine Lüge nicht genau angeben können. Es ist vielleicht, als würden wir zum Flughafen fahren, um einen alten Freund abzuholen, den wir seit Jahren nicht gesehen haben. Wir können ihn nicht genau beschreiben, genau so wenig, wie wir eine Lüge genau und ausreichend beschreiben können. Wir erkennen ihn aber doch, genau wie man eine Lüge erkennen kann, auch ohne eine genaue „Definition“. Dennoch wäre es zufrieden stellender,zufriedenstellender wenn man durch die philosophische Diskussion doch zu einer zufrieden stellendenzufriedenstellende Definition des Lügens oder des Muts oder der Freundschaft kommen könnte.

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